WinterAtem Leseprobe


WinterAtem Erstausgabe 2011

© Autorin: Nicole Schlichte

© Photographin Buchrücken: Brita Welwarsky, www.b-welwarsky.de

© Bild Cover und Illustrationen: Stefan Kurz

 

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WinterAtem

 

Nicole Schlichte

 

 

Die Wege waren zugeschneit und nur noch zu erahnen. Straßen, die jeder kannte, wurden meterdick abgedeckt und verbanden sich mit den umliegenden Feldern zu einer glatten Masse. Alles schien unter der Schneedecke zu verschwinden und das schon seit über zwei Monaten.

Schnee war ignorant, er machte rücksichtslos alles zu seinesgleichen.

Er war in seiner Schönheit ein atemberaubender Egoist.

 

 

Kapitel 1

 

„Du liest die Karte!“

„Meinetwegen“, sagte Luka gedehnt.

„Was jetzt? Ja oder nein!?“ Jan war gereizt.

„Du wolltest dir doch ein Navi kaufen?“

„Habe ich noch nicht, alles klar!? Also …“

„Wo ist die Karte?“

„Hinten auf dem Rücksitz.“

Luka beugte sich gähnend nach hinten und griff sich die Straßenkarte. Die frühe Morgenstunde war nichts für ihn. Er gab Jan die Richtung an, mehr sprachen sie nicht.

„Hier müssen wir ´runter.“

„Kannst du das nicht eher sagen!?“

Jan lenkte seinen Wagen in die Ausfahrt. Trotz der winterlichen Straßenverhältnisse ließen sie die Autobahn mühelos hinter sich.

„Hab´ ich nicht eher gesehen.“

„Bist du blind oder was!?“

„Nach der Abzweigung fahren wir auf jeden Fall ´gen Berge. Mal sehen, wie weit wir kommen bei diesen Straßenverhältnissen.“

„Na, kriegst du Angst?“

Luka schwieg. Der Schnee auf den Straßen wurde mit gleichbleibender Beharrlichkeit höher. Verwehungen der vergangenen Tage hatten ganze Arbeit geleistet und die Straßen streckenweise zugedeckt. Die Steigung wurde extrem, die Straßenführung kurvenreicher und die Schneemassen dichter.

„Es ist besser, wir ziehen die Schneeketten auf“, schlug Luka vor.

„Weichei, aber meinetwegen“, meinte Jan großmütig.

Doch auch mit Ketten konnten sie die rapide ansteigenden Schneemassen nicht bewältigen. Jans Gesichtsausdruck wurde starr, seine Hände umklammerten das Lenkrad. Er trat wütend auf das Gaspedal, dabei schlitterte der Wagen bedrohlich, bis die Reifen sich eingruben und es schließlich nicht weiter ging.

„Scheiße!“, brüllte er, „wir müssen die Karre stehen lassen! Kein Schild, kein Weg, nichts. Jetzt stehen wir da, mitten im Wald. Das kann ja wohl nicht wahr sein!“

„Nur endloses Weiß“, warf Luka träge ein.

„Das sehe ich auch!“

Jan stellte den Motor ab, stieg wütend aus, stapfte um das Auto herum und begutachtete das Dilemma.

Währenddessen schälte sich Luka langsam aus dem Auto und blickte auf die eingegrabenen Reifen.

„Hoffentlich sind wir hier überhaupt richtig!“, blaffte Jan Luka an.

„Ich packe mir ein paar Sachen zusammen“, fluchte er und öffnete den Kofferraum.

„Was hast du vor?“ Luka schüttelte den Kopf.

„Ich will hier erfrieren, du Fachmann! Bescheuerte Frage, wir gehen zu Fuß!“

„Ich war noch nie bei deiner Großmutter. Laut der Karte könnten es schon noch einige Kilometer sein.“

Sie griffen ihre Rucksäcke aus dem Kofferraum.

„Komm“, sagte Jan über die Schulter hinweg, „lass´ uns hier lang gehen.“

„Da führt der Weg sicher nicht entlang!“

„Ist es meine oder deine Großmutter? Und wer war hier öfters, du oder ich?“ Jan stellte sich dicht vor Luka und blickte ihn herausfordernd an.

„Jan, wir sollten lieber zurückgehen und Hilfe holen.“

„Das ist doch lächerlich! Nein, es kann nicht mehr weit sein!“

 Jan blickte fest entschlossen in die ungewisse Landschaft.

„Hier ist eine Abkürzung“, behauptete er nach ein paar Schritten, als ein schmaler Pfad vor ihnen lag, der direkt in die Berge führte.

„Ich hoffe, du kennst den Weg“, bemerkte Luka.

„Hosenscheißer. Warum habe ich dich überhaupt mitgenommen?!“

„Weil du zu blöd bist, zum Karten lesen“, konterte Luka.

„Streber!“

Undeutlich war ein schmaler Weg zu erahnen, vielleicht ein Jägerpfad oder ein Wildwechsel. Dicht an den Berg gedrückt wagten sie sich vorwärts, der Pfad wurde schmaler, sodass bald kaum mehr zwei Füße nebeneinander Platz hatten. Jan stapfte entschlossen voraus. Die Kälte biss im Gesicht, seine Augen tränten, die Landschaft verschwamm.

„Lass uns umkehren Jan, das ist doch albern!“

Jan blieb abrupt stehen und wandte sich um. Luka blickte in sein zorniges Gesicht. In dem Augenblick, als Jan seinen Mund öffnete, um ein Wort zu formen, rutschte er mit einem Fuß ab und es kam ein Schrei heraus. Jan stürzte in die Tiefe, eine Schneewolke folgte ihm, dann war Stille, unendliche Stille.

„Jaaaan!“, schrie Luka, „Jaaaan!“ Die Antwort blieb aus. Luka starrte wie gelähmt in die Tiefe und lauschte angestrengt. Er musste Hilfe holen.

 

 

Kapitel 2

 

Irma saß in ihrer Sennhütte vor dem prasselnden Feuer, schaute den Flammen zu, zupfte an den Saiten ihrer Gitarre und fühlte sich frei wie der Gipfel eines Berges, der unnachahmlich seinen Platz einnahm, um zu bleiben. Seitdem sie hier war, hatte es endlose Mengen an Flocken gegeben, die sich auf den uferlos vorhandenen Schnee betteten.

Sie legte ihre Gitarre beiseite, ging zur Tür und öffnete sie. Schnee, nichts als Schnee, sogar die Bäume waren nicht mehr zu erkennen und unterhalb ihrer Hütte, die geschützt hinter einem Berg lag, fast bis zur Hälfte eingeschneit.

Irma trug ein kurzes Unterhemd und eine knappe Unterhose, die Kälte berührte ihre warme Haut, hüllte sie ein, schmeichelte ihr. Unwillkürlich sog sie die frische Luft durch ihre Nase, ein angenehmer Schauer lief ihr über den Rücken. Sie schüttelte sich leicht, wagte sich einen Schritt weiter hinaus und stand zwischen einem riesigen Berg von fein säuberlich aufgeschichtetem Holz. Liebevoll mit der Axt zerhackt und sorgsam gestapelt. Über fünf Lagen Holz, für den langen Winter, der ihr hier geboten wurde. Er hatte sein Versprechen gehalten, der Winter. Aber auch sie hatte ihr Versprechen eingehalten, spätestens zu ihrem fünfunddreißigsten Lebensjahr einen Winter auf der Alm zu verbringen. Zwar war es knapp geworden, doch sie hatte es geschafft. 

Ihr stieg der Duft des feuchten Holzes in die Nase. Sie lehnte sich zärtlich an die harten Klötze und sog gierig das Luftgemisch von Kälte, Schnee und Holz ein. Ihre Haut kribbelte, als die Zehen den Schnee berührten. Irma quietschte vor Vergnügen und begann lauthals zu lachen, zog ungestüm ihr Unterhemd über den Kopf und drehte sich ungeschickt. Schmiss das Hemd übermütig hinaus in den Schnee.

„Hier, kannst du haben!“

Irma wand sich aus ihrer knappen Hose und warf sie in die andere Richtung.

„Begrab sie“, rief sie dem Schnee zu, griff sich die Gitarre, legte sie vor ihren nackten Körper und begann zu tanzen, stakste im Schnee umher, lachte und sang, was ihr Kopf hergab. Sinn und Unsinn, Wahrheit und Lüge. Der Schnee sah ihr zu, Himmel und Erde gehörten ihr, Irma. Vor lauter Übermut rutschte sie aus, fiel in den Schnee, wälzte sich in ihm, rieb sich mit der weißen Masse ein, überall wollte sie berührt werden, zwischen den Schenkeln schmolz der Schnee besonders schnell.

Irma streichelte sich, streichelte den Schnee, umarmte ihn. Er gab sich ihr hin, er schmolz für sie dahin und sie schenkte ihm ihre Wärme, die er hungrig von ihr ableckte, bis es vorbei war.

Irma erhob sich, nahm ihre Gitarre, die geduldig auf sie gewartet hatte, ging in die Hütte, schloss die Tür, legte sich auf ihr Lammfelllager vor dem Feuer und schlief befriedigt ein.

 

 

Kapitel  3

 

Tränen rannen Luka über die Wangen, wie Peitschenhiebe brannten sie in seinem Gesicht, die Stille erdrückte ihn.

„Jaaaan!“, rief er wieder und wieder, bis seine Stimme versagte und es keinen Sinn mehr machte. Tausend Gedanken wirbelten durch seinen Kopf, er wusste nicht, was er tun sollte. Stehenbleiben oder weitergehen. Ihm schoss die Diskussion im Studentenwohnheim  durch den Kopf.

„Muss es ausgerechnet bei diesen Witterungsverhältnissen sein, dass wir zu deiner Großmutter in die Berge fahren?“ Doch Jan hatte Luka keines Blickes gewürdigt. Wenn er eine Idee verfolgte, konnte sie ihm niemand ausreden. Eifrig hatte Jan begonnen seine Sachen zu packen und ihn über seine Schulter hinweg gefragt:

„Und, kommst du mit?“ Luka stand unentschlossen in Jans Zimmer, sein kleines Reich lag gleich nebenan in dem Studentenwohnheim,

in dem sie Tür an Tür lebten.

„Hey, du stehst im Weg! Mach dich vom Acker!“

Luka schlurfte hinüber. Er hatte für die nächste Klausur lernen wollen und nun dieser absurde Vorschlag, ausgerechnet im tiefsten Winter, die Großmutter zu besuchen. Wie kam Jan bloß darauf? Sonst pflegte er kaum Familienkontakt, und auf einmal musste es ausgerechnet die Großmutter in den Bergen sein.

Er schaute aus dem Fenster, das ihm nichts als grauen Matsch bot, im nebligen Schleier der Stadt. Auch wenn München sein Favorit war, was die Wahl seines Studienortes betraf, vermisste er doch manchmal die Weite des Nordens. Er kam aus Neuhaus an der Oste, einem kleinen Ort nahe der Nordsee. Luka wollte nicht nach Hamburg und nicht nach Berlin, in diesen Städten hatte er schon gewohnt. Er wollte nach München. Es war eine gute Gelegenheit eine Stadt genau kennenzulernen, wenn man in ihr lebte. Doch die unendliche Ebene vermisste er manchmal. Das war etwas, was ihm der Süden nicht bieten konnte.

Nun stand Luka hilflos mitten in den Bergen im endlosen Weiß und Jan wurde von den Giganten verschluckt. Das erste Mal trat ein, was er sich seit einiger Zeit gewünscht hatte, dass Jan weg war, weil er Luka allzu oft einfach nur nervte. Doch so hatte er sich das nicht vorgestellt. Jan sollte doch nicht abstürzen, oh Gott, nein, doch nicht so. „Jaaaaan!“ Mit Leibeskräften wiederholte er den Namen seines Freundes, doch außer harter Einsamkeit prallte ihm nur noch der eisige Wind ins Gesicht.  

Verzweifelt stapfte er weiter, ganz langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Luka hatte das Gefühl, dass jeder Schritt ein Schritt in die Tiefe war. Doch er musste weiter gehen, um Hilfe zu holen. Umkehren kam nicht in Frage, dafür waren sie schon zu weit gegangen. Außerdem war dieser Weg eventuell tatsächlich eine Abkürzung. Doch genau konnte Luka das nicht orten. Nach jedem weiteren Schritt hielt er den Atem an und lauschte, vielleicht würde Jan gleich wieder vor ihm stehen und ihm ins Gesicht lachen. So war es meistens gewesen, seitdem sie sich beim Einschulungsgottesdienst kennenlernten. Alle hatten sich brav in Zweierreihen aufgestellt, als die Kirche betreten wurde. Jan kam zu spät und drängelte sich geschickt noch schnell in die letzte Reihe. Das war`s, denn in der letzten Reihe stand Luka. Inzwischen war es Luka zur Gewohnheit geworden, Jan an seiner Seite zu haben, obwohl er in der letzten Zeit mehr und mehr mit sich zur Rate ging, ob das für die Zukunft so bleiben sollte. Ihre unterschiedlichen Interessen forderten eigene Wege. Als Jan erfuhr, dass Luka in München studieren würde, meinte er:

„So kommst du mir nicht davon, alter! München ist eine geile Stadt mit den geilsten Weibern, ich komme mit!“ Beim ersten Anlauf wurde er nicht genommen und war stinksauer.

„Du alter Streber. Aber warte nur, ich schaffe es schon!“ Jan kam nach München und zog genau sechs Monate später neben Luka in das Zimmer im Studentenwohnheim, das gerade frei wurde.

„Na alter Streber, da bin ich, hab ich doch gesagt!“ Seit sie in München waren, gab es für Jan nur noch Weiber, Weiber, Weiber und für Luka gab es lernen, lernen, lernen.

Luka spürte mit einem Mal die unerbittliche Kälte in ihrer ganzen Wucht, alles sah gleich aus, jeder Schritt war eine ganze Reise. Zu allem Übel begann es auch noch zu schneien. Gerne hätte er gewusst, wie spät es war, doch die Uhrzeit zeigte ihm nur sein Handy, welches er im Auto liegen gelassen hatte, weil in den Bergen kein Empfang war. Dieser schmale Grat musste irgendwann ein Ende haben, alles hatte ein Ende, immer! IMMER!

Luka hob seinen Kopf und meinte, in der Ferne etwas zu erkennen. Da war doch was! Ja, da, eine Hütte! Rettung! So geduldig, wie er konnte, kämpfte er sich vorwärts, endlich nahm der schmale Weg ein Ende und wie besessen stapfte er durch den Schnee in Richtung Hütte. Außer Atem kam er vor der Haustür an, stolperte über seine eigenen Füße, fiel auf den Boden und schlug mit dem Kopf gegen eine Holztür.

 

 

Erstmal bis hier, ich hoffe es hat euch Spaß gemacht....